Warum Hospizarbeit kostbar ist und wie sie in der Praxis aussehen kann, hat Thomas Hestermann, Journalist aus Hannover, in einem Pressebericht eindrucksvoll beschrieben:

Ein Mann wie er sei stärker als der Tod, meinte Michael Jansen (Name geändert). Die Diagnose des Arztes will er lange nicht wahrhaben: Darmkrebs. Doch die Metastasen wuchern rasch, bald kann der 62-jährige sein Bett nicht mehr verlassen. Ins Krankenhaus will er auf keinen Fall. Er bleibt in seiner Wohnung. Seine berufstätige Frau und die drei Kinder pflegen ihn – bis an die Grenze der Belastbarkeit.

Irene von Oertzen vom Freundeskreis Hospiz Lüneburg unterstützt mit einer Helferin die Betreuung des schwerkranken Mannes. „Anfangs tat er so, als liege er nur versehentlich im Bett“, erinnert sich die 56-jährige Apothekerin. Und zum Abschied scherzt er: „Ich würde Sie gerne zur Tür bringen, aber das geht gerade nicht.“

Vormittags, wenn seine Ehefrau bei der Arbeit und die drei Kinder in der Schule sind, sitzt Irene von Oertzen lange an seinem Krankenbett, reicht ihm einen Trinkbecher und redet mit ihm. Einmal erzählt er ihr, wie schön es mit seiner Frau sei und was er für ein Glück habe, sie in seiner letzten Lebenszeit an seiner Seite zu wissen.

Dann bricht er in Tränen aus. Das ist ihm peinlich. Irene von Oetzen steht auf und sagt: „Ich bin jetzt mal ganz praktisch, wo haben sie denn Taschentücher?“ Da schüttelt er sich vor Lachen und die Beklommenheit ist verflogen. „Für mich ist es beglückend, wenn sich ein Mensch öffnen kann, statt seine Trauer zu verdrängen“, sagt die Sterbebegleiterin. „Das berührt mich tief.“ In der Begleitung Sterbender verlor sie die eigene Angst vor dem Tod. „Wer vorbereitet ist, kann leichter gehen.“

Sie versuchte, Ruhe zu verbreiten und Angst zu nehmen. Seit neun Jahren begleitet sie Menschen, die zu Hause Abschied nehmen möchten. Manchmal wird sie auch in Krankenhäuser gerufen. „Es kommt vor, dass ein Patient nassgeschwitzt ist und stöhnt, weil er furchtbare Angst vor dem nahenden Tod spürt, und die Nachtschwester nervös wird und mich alarmiert.“ Dann kommt Irene von Oertzen, setzt sich zu dem Patienten, hält ihm die Hand und beruhigt ihn. Sie bringt etwas mit, das in der hochtechnisierten Medizin knapp geworden ist – Zuwendung ohne Zeitdruck. „Die Technisierung der Medizin“, bemerkt sie, „verstellt leicht den Blick darauf, dass wir alle sterben müssen.“

Hospizarbeit heißt für die ehrenamtliche Helferin, dass ein Mensch nicht schon Wochen vor seinem Tod abgeschrieben wird, gleichsam den „sozialen Tod“ erleidet, sondern noch klären kann, was ihn bedrückt. Manchmal allerdings können Menschen ihren Frieden nicht finden – wie jene Frau, die sich auf dem Sterbebett hin und her warf und nach ihrem Sohn verlangte. Ihn bat Irene von Oertzen, zu einem letzten Gespräch zu seiner Mutter zu kommen. Doch er verwarf den Vorschlag barsch als Einmischung. „Das hat mich sehr wütend gemacht, es war eine persönliche Niederlage für mich.“

Mit einem Kreis von zwölf ehrenamtlichen Helferinnen trifft sich die 56-jährige einmal im Monat mit einem Psychologen. „Wir sprechen über viele Dinge, die uns belasten.“ Irene von Oertzen ist eine von ca. 4.000 aktiven Ehrenamtlichen in Niedersachsen.